vom 30. Januar 2026
Liebe Gäste,
mein Name ist Maria Wali, ich engagiere mich bei „Nierstein gegen
Rechtsextremis“, und mein Thema heute sind Sündenböcke.
Eine KI hat mir mehrere Definitionen des Begriffs so zusammengefasst:
„Bezeichnung für eine Person oder Gruppe, der fälschlicherweise die Schuld
an Misserfolgen oder Problemen zugewiesen wird, um von den eigentlichen
Ursachen abzulenken und den Zusammenhalt der eigenen Gruppe zu
stärken.“
Jetzt wird es historisch.
Im 14 Jahrhundert waren die Menschen der Pest hilflos ausgeliefert. Niemand
wusste woher sie kam. Also erfand man eine Geschichte und fand – wie
praktisch – gleichzeitig „Schuldige“. Die Juden hatten angeblich die Brunnen
vergiftet. Es kam zu Pogromen, die viele Juden das Leben kosteten.
Und die Pest wütete weiter. Problem nicht gelöst!
Drei Jahrhunderte später suchten die Menschen Erklärungen für
Naturkatastrophen, Missernten und Viehseuchen. Wieder erfand man eine
Geschichte und damit auch Schuldige. Hexen waren am Werk. Die konnte
man verbrennen und musste sich nicht mehr hilflos fühlen.
Doch das nächste, rätselhafte Naturereignis kam bestimmt. Problem
nicht gelöst!
Springen wir ins 20. Jahrhundert. Medizin und Wissenschaft hatten enorme
Fortschritte gemacht. Die Natur war berechenbarer geworden.
Sündenbockgeschichten also überflüssig?
Es gab ja durchaus noch Probleme: Der verlorene Erste Weltkrieg zog
Reparationszahlungen und Hyperinflation nach sich. Weltwirtschaftskrise und
Arbeitslosigkeit waren nicht leicht zu bewältigen.
Doch es gab Lösungen: Die Hyperinflation war mit der Einführung der
Rentenmark vorbei. Das Ende der Reparationszahlungen wurde 1932 auf der
Konferenz von Lausanne erreicht.
Seriöse Politik hatte also durchaus Erfolge. Nicht von heute auf morgen.
Politische Prozesse der Demokratie waren und sind bis heute manchmal zäh
und langwierig. Aber sie sind ein Weg, wenn auch ein mühsamer.
Zu mühsam für die Nationalsozialisten. Die besannen sich lieber auf die
guten, alten Sündenböcke. Das hatte ja schon oft funktioniert. Und schon
wurden eifrig Geschichten gesponnen:
Die Dolchstoßlüge machte Juden und Parteien für den verlorenen Krieg
verantwortlich.
An der Wirtschaftskrise war das „Weltjudentum“ schuld.
Und dann kam die perfideste aller Erzählungen: die nationalsozialistische
Rassenideologie. Nun mussten die Juden an gar nichts mehr schuld sein. Es
reichte, dass sie Juden waren.
Probleme wurden so nicht gelöst. Das war aber auch gar nicht das Ziel.Wichtig war, dass Hass gesät wurde. Denn ist Hass erst einmal da, so
beschränkt er sich nicht mehr nur auf Sündenböcke. Wer Menschen verhetzt
und zum Hassen bringt, kann sie wunderbar manipulieren – und so in den
„Totalen Krieg“ treiben.
Wir alle kennen das bittere Ende: Nicht nur 6 Millionen ermordete Juden,
schätzungsweise 70 Millionen Tote weltweit. Das Resultat von
Sündenbockpolitik und Hass.
Heute leben wir im 21. Jahrhundert in einer funktionierenden
Demokratie.
Und natürlich gibt es Probleme. Die sind lösbar.
Doch tatsächlich gibt es wieder eine Partei, die sich nicht mit Lösungssuche
aufhält, lieber Unzufriedenheit schürt, Hass verbreitet und Sündenböcke
präsentiert: zu den Juden sind jetzt Migrantinnen das Ziel.
Ich werde die modernen Sündenbockerzählungen hier nicht wiederholen.
Denn je öfter man sie hört, desto fester bleiben sie im Gedächtnis.
Ich werde auch nicht gegen sie argumentieren.
Aber ich möchte an diesem 30. Januar ganz deutlich sagen:
Hass und Lügen bekämpft man am besten dadurch, dass man den
Lügnern, die sie verbreiten keine Macht gibt!
Dafür können wir an den Wahlurnen sorgen. Aber Demokratie ist so viel mehr
als nur zur Wahl zu gehen. Demokratie lebt vom täglichen Engagement und
der Haltung aller Bürger. Es ist höchste Zeit, die Köpfe aus dem Sand zu
ziehen und gerade zu stehen für eine freie und bunte Gesellschaft, in der
jeder Mensch so sein darf wie es ihm gefällt. Für eine Gesellschaft ohne Hass
und Sündenböcke.
Wenn wir gleich eine Minute schweigen, gedenken wir der Opfer des
Nationalsozialismus. Und vielleicht möchten Sie sich einen Moment Zeit
nehmen, um zu überlegen wie Sie durch Ihr ganz persönliches Engagement
eine Wiederholung der Geschichte verhindern können.
1933 wurde den Nationalsozialisten die Macht gegeben. Heute haben wir
es in der Hand.
Denn „nie wieder 33“ ist genau jetzt!
Ich danke Ihnen!
