Rede von Hans-Peter Hexemer

vom 30. Januar 2026

Der 30. Januar 1933 kam nicht aus dem Nichts.
Viele haben später – nach Diktatur, Krieg und Holocaust – behauptet: Wir haben nichts gewusst!
Doch es war alles öffentlich: Hitlers Mein Kampf war seit 1925 die Handlungsanleitung. Der Hetze
gegen die Demokratie folgte die Gewalt gegen die Demokratie. Hitler „unsere letzte Hoffnung“ –
plakatierten die Nazis 1932. Millionen wählten sie.
Nierstein war eine Hochburg schon vor 1933 mit über 50 Prozent der Stimmen! Ein Beispiel dafür,
dass es den Nazis trotz ihrer unverhohlenen Radikalität gelungen ist, in die Mitte der Gesellschaft
einzudringen.
In ganz Deutschland haben die Nazis nie die absolute Mehrheit errungen. Sie haben nie – wie ihre
Propaganda stets glauben machen wollte – die Macht ergriffen. Sie wurde ihnen übertragen und
quasi in die Hände gelegt.
Denn zuerst erfolgte die Ernennung Hitlers zum Kanzler durch den Reichspräsidenten Hindenburg,
dann kamen von ihm unterzeichneten Notverordnungen zum Schutz von Volk und Staat, mit denen
die ersten Grundrechte außer Kraft gesetzt wurden. Schließlich erfolgte am 23. März 1933 durch die
Mehrheit des Reichstages, auch mit den Stimmen demokratischer Parteien, die Zustimmung zum
Ermächtigungsgesetz.
KPD-Abgeordnete waren damals schon alle verhaftet, ebenso wie einige SPD-Abgeordnete.
Allein die SPD-Fraktion stimmte damals mutig gegen das Ermächtigungsgesetz. Die Rede von Otto
Wels ist bis heute eine Sternstunde der Demokratie und gipfelte in dem Satz:
„Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“
Die Zustimmung zu diesem Gesetz war nicht notwendig, denn Hitler hatte mit seinem
Koalitionspartner eine ausreichende Mehrheit von 340 der 647 Abgeordneten, um demokratisch zu
regieren. Das Parlament hätte sich nicht selbst entmachten dürfen. Die Abschaffung der
Gewaltenteilung, die Aufhebung von Grundrechten hatte eine fatale Signalwirkung und diente Hitler
nur dazu, die Demokratie abzuschaffen und seine Diktatur aufzubauen.
Die Nazis hatten dabei große Unterstützer: wichtige Teile der Industrie, Deutsch-Nationale und
Kaisertreue und der Reichspräsident. Dem Ermächtigungsgesetz folgten die Gleichschaltung der
Presse, die Inbesitznahme des noch jungen Rundfunks. Die Abschaffung der Grundrechte wie
Freiheit der Person, Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit.
Auch bei uns in Nierstein, wo acht Mitglieder von SPD und KPD am 3. April 1933 ins neue
Konzentrationslager Osthofen abtransportiert wurden – die Menschen bejubelten, dass die Nazis
politische Gegner ohne jedes Verfahren in brutale Lagerhaft steckten. Sie waren die ersten, die Opfer
der Willkür wurden.
Im Niersteiner Lokal „Zur Krone“ verkündete die NSDAP Ende April öffentlich, sie „werde nicht eher
ruhen bis das ganze Reich zu einer Volksgemeinschaft im nationalsozialistischen Sinne
zusammengeschweißt sei.“ Das war nur der Anfang.
Es folgte Schlag auf Schlag: Der 1. Mai 1933 – eigentlich der „Tag der Arbeit“ – wurde umfunktioniert
in einen nationalen Tag der Volksgemeinschaft. Keine 24 Stunden später waren die freien
Gewerkschaften verboten und ihr Eigentum beschlagnahmt. Im Mai und Juni wurden die
demokratischen Parteien nach und nach verboten, selbst die, die dem Ermächtigungsgesetz
zugestimmt hatten.
Nun wurden die Vereine gleichgeschaltet. Auch in Nierstein mussten die Mitglieder nun Nazis an die
Spitze der Vereine wählen. Für Juden war kein Platz mehr, auch nicht für Anhänger demokratischer
Parteien.
So auch in Niersteiner Gemeinderat, der in seiner ersten Sitzung – am 5. Mai 1933 nichts Wichtigeres
zu tun hatten als Adolf Hitler zum Ehrenbürger Niersteins zu wählen und der Langgasse seinen
Namen zu geben – bis 1945.
Im Juni 1933 waren alle genannten Schritte vollzogen. Statt Vielfalt und Demokratie herrschte nun
Gleichschaltung und Führerprinzip.

1933 – noch fünf Jahre bis zur Pogromnacht, in der die Juden endgültig aller Rechte beraubt wurden,
quasi nun vogelfrei waren, noch sechs Jahre bis zum Überfall auf Polen, noch neun Jahre bis zur
Wannsee-Konferenz, die die fabrikmässige Ermordung der Juden beschloss.
Ein Land hatte sich selbst aufgegeben. Das zeigt uns: Wo die Moral und der Anstand abhanden
kommen, geht die Demokratie verloren. 1933 – in wenigen Wochen, kaum mehr als ein Vierteljahr,
und die Demokratie war zum Einsturz gebracht. Damals.
Und 2026. Auch heute ist unsere Demokratie gefährdet. Sie braucht Menschen, die für sie einstehen.
Sie braucht den Aufstand der Anständigen aus der Mitte der Gesellschaft gegen den
Rechtsextremismus. Es liegt an uns, wohin sich unser Land entwickelt.

Meinen Appell fasse ich in die Worte von Margot Friedländer:
„Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschehen ist.
Aber dafür, dass es Nie wieder geschieht.“